Chance 1

Retouren, Reklamationen, massive Kundenfluktuation, so erlebt Lars sein Unternehmen. Es wird immer mehr zur Last jeden Tag zur Arbeit zu gehen. Lars Gesundheit leidet, er ist häufig krank, sein Immunsystem rebelliert. Eigentlich will er den Arbeitgeber nicht wechseln, aber er sieht keinen anderen Ausweg mehr und kündigt. Kurzzeitig später wird er zum Gespräch mit der Geschäftsleitung gebeten. Er überlegt ob er sich das antun möchte, die Angst vor möglichen Schuldzuweisungen ist groß. Letztendlich nimmt Lars den Termin wahr und wird positiv überrascht. Der Geschäftsführer des Unternehmens nimmt sich viel Zeit für das 4-Augen-Gespräch. Auch ihm ist nicht entgangen, dass es Schwierigkeiten gibt, kam aber bei den Meetings mit seinen Abteilungsleitern und den Personalverantwortlichen nicht weiter. Das Gespräch beginnt stockend, Lars fühlt sich nicht wohl und ist eingeschüchtert. Der Geschäftsführer erklärt offen warum er ihn zu diesem Termin gebeten hat. Lars beginnt aus seiner Warte zu erzählen, macht Vorschläge, regt an Dinge zu verändern. Sein Chef hört im aufmerksam zu, macht Notizen und bittet ihn anschließend seine Kündigung zurückzunehmen. Lars geht darauf ein und wird zukünftig als Berater für die Verbesserung der internen und externen Kommunikation eingesetzt. Seine Hauptaufgabe besteht aus Zuhören und Reflektieren. Die Ergebnissen arbeitet er in Konzepte um, sie sollen sowohl interne als auch externe Abläufe verbessern. Innerhalb eine Jahres sind sowohl die Mitarbeiter- als auch die Kundenzufriedenheit um 60 % gestiegen – Tendenz gleichbleibend mit leichter Progression nach oben.

Chance 2

Seit sieben Jahren arbeitet Anna als Masseurin in einer Wellness-Einrichtung. Sie ist ein weltoffener und vielseitig interessierter Mensch. Sie hat viele Stammkunden, die ihr ruhiges und unaufdringliches Wesen schätzen. Sofern es ihr knappes Gehalt zulässt, besucht sie regelmäßig Weiterbildungen. Mit den anderen Mitarbeiterinnen hat sie wenig Kontakt, die Gesprächsthemen sind ihr zu oberflächlich. Die wenigen Versuche sich in die Gemeinschaft einzubringen scheiterten an den sehr lauten und offensiven Charakteren ihrer Kolleginnen. Anna braucht ihre Pause um Kraft zu sammeln und sich zu erden. An den Weihnachtsfeiern nimmt sie schon lange nicht mehr teil. Die Veranstaltungen ziehen sich in die Länge, sind laut und enden mit einem Kater am nächsten Morgen. Anna liebt ihre Arbeit und nimmt Anteil am Leben ihrer Kunden. So kam es dass ihr eine Hautveränderung auf dem Rücken eines Kunden auffiel. Sie spicht ihn darauf an und legt ihm ans Herz zum Arzt zu gehen. Während der Verabschiedung bedanket sich der Kunde noch einmal und versichert ihr sofort einen Termin auszumachen. Eine der Kolleginnen gibt den Vorfall an die Geschäftsleitung weiter. Wegen grenzüberschreitendem Verhalten wird Anna abgemahnt. Die Anschuldigungen häuften sich zunehmend. Irgendwann wird Anna alles zu viel, sie kann nicht mehr, wird depressiv und lässt sich krank schreiben. Mit der mentalen Unterstützung eines humanistischen Psychotherapeuten bereitet sie sich nun auf ihren lang gehegten Wunsch der Selbstständigkeit vor. Aktuell befindet sich Anna noch im Krankenstand, arbeitet ihren Businessplan aus und will nach Wiederaufnahme der Berufstätigkeit eine Ausbildung zur Heilpraktikerin beginnen.

Chance 3

Die 10-jährige Leila liebt Bücher. Wenn sie die ersten Zeilen liest, taucht sie mit allen Sinnen in die Geschichte ein. Am Ende tut es fast weh, die fiktive Welt zu verlassen. Die Geschichten begleiten sie und manchmal helfen sie ihr die Realität zu ertragen. Besonders in der Schule wenn ihre Klassenkameraden nicht mehr zu bändigen sind oder der Unterricht sie überfordert. Dann möchte sie sich am liebsten in eine Höhle zurückziehen und einfach ihre Ruhe haben. Sie ist eine der ersten die merken wenn etwas aus dem Gleichgewicht gerät. Ihre Lehrerin hat ein gutes Gespür für die Bedürfnisse der Kinder und achtet inzwischen ganz besonders auf Leila. Wenn nichts mehr geht, wird Leilas Blick glasig und irgendwann beginnt sie Selbstgespräche zu führen. Wenn das passiert machen sich ihre Mitschüler über sie lustig. Um das zu vermeiden reagiert die Lehrerin bei den ersten Anzeichen sofort mit einer kurzen Bewegungspause, ein paar Atemübungen. Oft reicht es aus, kurz inne zu halten und alle Medien und das Licht abzuschalten. Die sensible Leila hilft ihr rechtzeitig zu reagieren. Seither ist die quirlige Klasse bedeutend ausgeglichener und massive Konfrontationen können vermieden werden.

Chance 4

Roman geht jedes Jahr mit seinen Kumpels bergwandern. In diesem Jahr haben sich die Männer eine lange Tour mit einer schwierigen Kletterpassage ausgesucht. Gute fünf Stunden sollte der Aufstieg bis zur Alm dauern. Roman hat schon ein ungutes Gefühl beim Aufwachen, er teilt sich das Zimmer mit dem sehr unruhig schlafenden Vincent. Um fünf brechen die Männer auf. Besorgt blickt Roman auf den blassen Vincent. Nach einer Stunde leichten Aufstiegs müssen die Männer eine Zwangspause einlegen. Vincent kann nicht mehr. Roman schlägt vor, die Wanderung abzubrechen, wird aber von seinen Kumpels ausgelacht. Etwas eingeschüchtert meint er, dass die anderen drei weiterlaufen können und er mit Vincent umkehrt. Daraufhin reagieren die Freunde gereizt und der Ton verschärft sich. Auch Vincent stellt sich gegen Roman, er möchte nicht der Spielverderber sein. Also wandern sie eine Stunde weiter, die Steigung macht allen zu schaffen, Vincent keucht und wird immer blasser. Roman schweigt und nimmt es hin. Etwa 20 Minuten später erreichen sie den Einstieg zur Kletterpassage. Die Männer beschließen Rast einzulegen. Währenddessen nimmt Roman eine leichte Windböe war, der Blick gegen den Himmel lässt ihn kurz schaudern, eine beinahe bedrohliche Stille breitet sich aus. Vincent ringt weiter nach Atem und niemand, außer Roman, nimmt Notiz davon. Dem sonst so stillen und gefügigen Roman reißt der Geduldsfaden. „Ich weiß nicht was ihr macht, aber Vincent und ich gehen jetzt in die Schutzhütte hier. Ich habe seit gestern ein ungutes Gefühl und wenn ihr meint weiter gehen zu müssen, dann tut das.“ Vincent wehrt sich nicht als er ihn packt und mit ihm den Weg zur Hütte einschlägt. Eine halben Stunde später betreten sie trockenen Fußes das Innere der Hütte. Es dauert noch eine gute Stunde bis ihre drei Freunde, alle frierend und durchnässt bis auf die Knochen, dazustoßen. Das Unwetter legt sich schnell, der Rückweg verläuft langsam und in Stille.

Chance 5

„Gute Fotografen schaffen es den Moment einzufangen, in dem ein Mensch seine Seele offenbart. Genau das habe ich zu meiner Berufung gemacht.“ Für diesen einen Moment bereist Fotoredakteurin Amelie die ganze Welt. Schon früh haben die Eltern erkannt, dass ihr Mädchen ganz besondere Bedürfnisse hat. Sie schien an allem teilzuhaben was um sie herum geschah. Kaum war ein Niesen nebenan zu vernehmen, sorgte sich Amelie um die Gesundheit im Nachbarhaus. „Das ging sogar soweit, das mich meine Eltern von einem Krankenbesuch mit einem Strauß Pusteblumen abhalten mussten“, lacht Amelie. „Unser damaliger Nachbar war starker Allergiker, ich weiß nicht ob das so gut angekommen wäre.“ Diese starke Empathie für andere Menschen kann aber auch unglücklich machen: „Durch mein Mitempfinden fühlte ich mich immer stärker mit anderen verbunden, als sie mit mir“, erinnert sich die junge Frau. „Schon früh konnte ich schlecht mit Oberflächlichkeiten umgehen und ich war unzählige Male hoffnungslos verliebt. Vielleicht war ich mehr in der Gefühl der Liebe verliebt als es wirklich zu sein, ich habe lange gebraucht um zu verstehen, dass ich alles intensiver empfinde als andere.“ Inzwischen macht sie sich ihr intensives Fühlen beruflich zunutze: „Meine Einzelaufnahmen waren schon im Studium gute Story Opener, also war es für mich naheliegend als Fotoredakteurin zu arbeiten. Heute sagen meine Kollegen, dass ich beinahe immer den richtigen Riecher und ein beneidenswert gutes Timing habe.“ Alles begann nach ihrem Kommunikationsdesign-Studium und einer gescheiterten Beziehung: „Ich hatte die Chance eine Reise fotografisch zu begleiten und habe zugegriffen.“ Ihre Augen leuchten als sie von der zweiwöchigen Tour durch die Vereinigten Arabischen Emirate erzählt. „Naja”, seufzt sie, „es war auch eine Flucht vor festen Bindungen, als Kind habe alles oberflächliche verabscheut und heute merke ich, dass die Oberflächlichkeit auch Vorteile hat. Es tut weniger weh wenn man auseinander geht, aber irgendwann möchte ich Familie haben und mich niederlassen. Im Moment genieße ich allerdings das aufregende Leben aus dem Koffer. Oft gehe ich dabei über meine Grenzen, aber ich bin ja noch jung, ausruhen kann ich mich später.“

Photo by Nicolas Ladino Silva on Unsplash

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