Eigentlich ist sie lieber die stille Beobachterin in der Ecke. Von dort aus bekommt sie alles mit, hört sorgfältig zu, liest zwischen den Zeilen und achtet auf jede noch so kleine Geste. Keine Zuckung um die Mundwinkel entgeht ihr. Das kann sehr spannend sein, aber auch sehr anstrengend, besonders wenn die Gesprächsrunde groß und die Diskussion hitzig ist. Eigentlich hasst sie die Rangelei um Status. Lieber würde sie sich mit einer kniffligen Aufgabenstellung auf ihren Platz zurückziehen oder für ein paar Schritte an die frischen Luft gehen um sich dort etwas Spektakuläres einfallen zu lassen. Aber auch diese Ergebnisse wollen präsentiert und in der Gruppe diskutiert werden.

Die Wahrheit: wir kommen um solche Situationen nicht rum. Diese Art der Interaktion ist Teil unserer Kultur. Es geht darum gesehen und ernst genommen zu werden. Die wenigsten Berufe finden im stillen Kämmerchen statt, Extraversion ist eine gern gesehene Eigenschaft. Gute Arbeit und gute Ergebnisse reichen schon lange nicht mehr aus. Die Resultate wollen verkauft werden, „Selfmarketing“ lautet das Zauberwort.

Und täglich grüßt das Murmeltier

Ein schwieriges Thema für bescheidene Philanthropen: Sie stecken ihre ganze Energie in die Sache und im entscheidenden Moment geht ihnen die Luft aus. So verpuffen gute Ansätze, ungewöhnliche Lösungen oder großartig durchdachte Konzepte während nur eines Meetings. Meist ist ein „Macher“ lauter, beliebter, dominanter und wir sehen hilflos zu, wie eine schlechte Idee das Rennen macht. Ein weiteres Talent dieser Spezies: die Ausarbeitung schlechter Ideen an nette Menschen zu delegieren. Das Verhängnis nimmt seinen Lauf, denn meistens können diese Macher auch noch so verdammt charmant und überzeugend sein.

Warum läuft es immer wieder so ab? Warum werden meine Talente nicht gesehen und gefördert? Jeder hat mich gerne um sich, aber keiner setzt sich für mich ein. Die Antwort ist einfach: Sie sind ungefährlich und harmlos und so soll es auch bleiben. Niemand ist für Ihr Wohl verantwortlich, Sie sind erwachsen und müssen das alleine regeln. Wenn Sie nicht lernen sich selbst zu helfen wird Sie niemand unterstützen. Genau dafür habe Sie Ihren Mutmuskel.

Verkümmerte Muskulatur

Muskulatur will trainiert werden, wer sich nicht permanent anstrengt und immer nur schlaff rumhängt wird niemals stärker oder schneller. Es gibt Menschen denen wurden alle vorteilhaften Eigenschaften in die Wiege gelegt: Disziplin, Ausdauer, Ehrgeiz und die passende Physiologie. Doch selbst bei Supersportlern gibt es Veranlagungen die nicht zielführend sind. Cristiano Ronaldo beispielsweise, eigentlich der Typ Bodybuilder. Er baut schnell Muskulatur und Kraft auf, allerdings ist er von Haus aus überhaupt nicht für einen Ausdauersport wie Fußball geeignet. Sein Muskeltypus ist genetisch vorherbestimmt und trotzdem wurde er systematisch umtrainiert, damit er die Anforderungen für dieses schnelle Spiel erfüllt. Geschadet hat’s bekanntermaßen nicht.

Ähnlich verhält es sich mit unserem Mutmuskel: grundsätzlich ist er bei jedem Menschen vorhanden. Wird er jedoch vernachlässig, beginnt er zu verkümmern. Irgendwann sitzen wir nur noch in der Ecke und nehmen nicht mehr am Leben teil, ziehen uns bei jeder Gelegenheit zurück.

Fünf gefahrlose Trainingsmethoden

Mit einer dieser fünf Methoden trainieren Sie täglich Ihren Mutmuskel, damit er in wirklich wichtigen Situationen einsatzbereit ist. Keine Angst, das Training ist vollkommen gefahrlos und dennoch sehr effektiv.

1. Aufwärmen

Das Essen im Restaurant war schlecht, der Kellner patzig, die Wartezeit zu lang. Etwas liegt Ihnen quer im Magen oder stört Sie. Man möchte sich nicht unbeliebt machen, Konflikte sind Ihnen eigentlich zuwider. Dennoch, eine wunderbare Dehnungsübung für den Mutmuskel. Sagen Sie was Sie stört, freundlich aber bestimmt. Sie werden sich wundern was passiert.

2. Stretching

Der Muskel darf aber auch in die andere Richtung gedehnt werden. Bitten Sie fremde Menschen um Hilfe: fragen Sie nach dem Weg, nach der Uhrzeit, nach einer kleinen Gefälligkeit. Sie werden staunen was sie mit einem Lächeln erreichen können. Eine vertrauensbildende Maßnahme ist es noch dazu!

3. Kurzer Sprint

Die nette Nachbarin oder der nette Kollege der immer dann zu einem kleinen Schwatz vorbeikommt, wenn Sie einen Termin oder eilige Sachen zu erledigen haben. Als feinsinniger, höflicher Mensch gehen Sie davon aus, dass ein nervöser Blick auf die Uhr oder das Abwenden deutliche Signale für diese Person sind. Weit gefehlt, auch hier muss Tacheles geredet werden: „Später nehme ich mir gerne Zeit für Dich, aber jetzt ist es gerade ungünstig.“

4. Kondition

Machen Sie Komplimente: mögen Sie das neue Halstuch Ihrer Kollegin? Finden Sie die Kassiererin sehr sympathisch? Mögen sie eine Idee oder eine Gedanken besonders gern? Halten Sie nicht hinter dem Berg, sagen sie es. Sensible Menschen sind mit ihrem Einfühlungsvermögen und der guten Beobachtungsgabe klar im Vorteil. Wichtig ist nur, dass Sie ehrlich und authentisch bleiben, sonst wird es peinlich.

5. Marathon

Regelmäßig etwas machen wovor Sie eine Riesenrespekt oder Angst haben. Was das ist, wissen Sie selbst am besten. Das Sprechen vor großen Gruppen war für mich der reinste Horror. Ich habe mir eine regelmäßige Aufgabe gesucht, die genau das von mir verlangt. Inzwischen spreche ich seit mehr als sieben Jahren, manchmal mehrmals die Woche, vor Gruppen von bis zu 40 Teilnehmern und hätte nie gedacht wieviel Spaß das machen kann.

Wichtig ist bei allen Methoden die Regelmäßigkeit, auch wenn es anfänglich etwas schwer fällt. Der „Muskelkater“ verschwindet schon bald und die Übungen werden zum festen Bestandteil Ihres Lebens. Und das Beste: Sie können sich immer neue Herausforderungen suchen. Nehmen Sie sich die Zeit die sie brauchen.

Sie werden staunen wie stark ihr Mutmuskel werden kann!

Photo by Danka & Peter on Unsplash

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