Auf dem morgendlichen Weg zum Büro fahre ich an der örtlichen Tafel vorbei. Menschen jeden Alters stehen Schlange. Ob alle dort Wartende bedürftig sind?

Mein Auto und ich fahren vorbei und ich stelle mir vor, wie es wäre die Stecke mit dem Fahrrad zu fahren. Das würde meinen ökologischen Fußabdruck verkleinern. Ich verwerfe den Gedanken wieder, es ist zu weit.

Würde wo bist du?

Im Büro kommt mir Leon entgegen, freundlich wedelnd begrüßt er mich und fordert seine morgendlichen Streicheinheiten ein. Meinem Chef passt das gar nicht, missmutig grüßend lotst er Leon wieder in sein Büro. Erst gestern habe ich beobachtet wie er seinen Hund körperlich gezüchtigt hat.

Ich hole mir eine Flasche Mineralwasser – für die Angestellten gibt es das billige – immerhin in Glasflaschen. Das Markenwasser habe ich zuletzt beim Vorstellungsgespräch getrunken. Nebenan höre ich wie mein Kollege von der Chefin in die Enge getrieben wird. Er ist Ende 50, schüchtern, unsicher, viel zu leise. Jemand der bewusst nach diesen Kriterien ausgewählt wurde. Seine Alternative zu diesem Job wären Hartz IV inklusive Eigenheimverlust.

Kurz darauf sehe ich eine eifrig eilende Chefin an mir vorbei sprinten: mit roten Bäckchen öffnet sie einem Kunden die Tür. Er hatte nicht mal den Hauch einer Chance eigenständig die Klingel zu bedienen.

Würden alle voller Würde handeln, würde sich die Welt verwandeln.
sensibel-stark.de

Ich arbeite bis in die Mittagspause, das Arbeitspensum ist hoch. Die Chefin reserviert mir dafür schonmal einen Platz in Teufels Küche.

Der Umgangston ist rauh, heute soll ich das Verhältnis zu den Dienstleistern verbessern. Die Geschäftsführung möchte ein partnerschaftliches Miteinander. Beim nächsten Telefonat streue ich ein paar warme Worte ein, ernte Argwohn, werde schnell abgewimmelt.

Irgendwann geht auch dieser Arbeitstag zu Ende.

Werte oder Würde?

Ich geh dann mal die Welt retten: Zuhause angekommen lasse ich das Auto stehen und steige aufs Fahrrad um.

Normalerweise lasse ich Discounter links liegen. Aber der Monat ist halb rum, das Geld wird knapp, ab jetzt also doch Discounter.

Das Leergut wandert in den Automaten, mein Gewissen entlaste ich durch einen Knopfdruck: Das Pfandgeld geht an die regionale Tafel. Und da ist noch der Konflikt wegen der eben geschredderten Plastikflaschen, unser beinahe keimfreies Leitungswasser soll ja die bessere Wahl sein …

… und woher kommen die Bio-Eier? Kommen sie von Hühnern die glücklich auf 100 qm vor sich hin scharren, biologisch einwandfreies Futter bekommen oder wird man – wie es letztens durch die Presse ging – belogen?

Fleisch kaufe ich dennoch beim Metzger. Aber woher weiß ich dass der wirklich selber schlachtet und mir nichts unethisches unterjubelt? Und überhaupt, die armen Tier. Gänzlich will ich aber nicht auf Fleisch verzichten.

Die Zerrissenheit bleibt.

Photo by Dominik QN on Unsplash

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