„Mama, mir ist langweilig”, nölt der Junior, nachdem er ein paar Minuten ohne Beschäftigung ist. Er hat es sich zur Gewohnheit gemacht, Mutter oder Vater für sein Seelenheil zur Verantwortung zu ziehen. Das Einzelkind tut sich schwer mit der Selbstbeschäftigung. Panisch stürzt Mutter aus dem Home-Office und bietet dem 11-jährigen Lösungen für den unerträglichen Zustand seines Seins an. Mamas Vorschläge sind öde, also muss das Internet herhalten. Schnell wird Youtubes kollektive Weisheit angezapft bis Sohnemann etwas Passendes für sich findet. Anschließend braucht Mutter eine gute halbe Stunde um wieder in Arbeitsfluss zu kommen. Seit Beginn der Corona-Pandemie kommt sie selbst bis gar nicht zum Pausieren und ist gefordert wie noch nie.

„Langweile ist echt ätzend“, meint Junior, „ich kann keinen Sport machen, sehe meine Freunde nicht. Meine Eltern sind auch langweilig, die müssen dauernd arbeiten.“

„Nichtstun“ ist also nicht das eigentliche Problem, eher das „Nichts mit sich anfangen können“. Echte Langeweile hat etwas mit Über- oder Unterforderung zu tun. Etwas das nicht dem eigenen Tempo und den Interessen entspricht. Der gewohnte Aktionismus kann nicht mehr aufrecht erhalten werden und in vielen Haushalten macht sich Unzufriedenheit breit. Langeweile, die für Kinder beinahe unerträglich ist, kann für Erwachsene das Paradies sein, ein idealer Nährboden für Konflikte. Dabei ist der Zustand der Langeweile etwas höchst individuelles, aber durchaus steuerbares. Folgende Impulse können helfen die Gedanken neu zu ordnen.

1. Müßiggang

Der erwünschte Gegenentwurf zu Langeweile. Grundvoraussetzung ist die bewusste Entscheidung zum „Nichtstun“. In Italien trägt sie den klangvollen Namen „Dol­ce­far­ni­en­te“ und steht als Metapher für den gemächlichen Lebensstil der Südländer.

Den Müßiggang salonfähig zu machen, dafür hat sich Herausgeber und Bestsellerautor Tom Hodgkinson verpflichtet. In dem englischsprachigen Magazin „The Idler“ vermittelt er bereits seit über einem Vierteljahrhundert die Kunst des Müßiggangs. Offensichtlich eine Philosophie, von der man leben kann. Wie es funktioniert erfährt man in zahlreichen Büchern, Veranstaltungen und Workshops . Dass er und seine Co-Autoren mit Worten umgehen können beweist „Das Buch der hundert Vergnügungen“. Hier werden selbstverständliche Tätigkeiten so poetisch umschrieben, dass man auf der Stelle in einem Boot herumdümpeln oder sofort den nächsten Waschsalon aufsuchen möchte. Selbst dann, wenn man eine eigene Maschine im Bad stehen hat.

Niksen, kalsarikännit, Lagom und hygge sind vergleichbare nordische Äquivalente: sich einfach mal treiben lassen, kein Ziel verfolgen und schauen was passiert. Allen gemein ist ein Lebensstil, der zu mehr Langsamkeit verpflichtet und den Zustand der Langeweile willkommen heißt. Wie wohl das deutsche Wort lauten würde, dass mit vergleichbarer Wertschätzung belegt wäre?

„Ich möchte einfach hier sitzen.“
Herrmann

2. Flow

Gerade die Generation, die ohne digitale Unterhaltungsmedien groß wurde, kann mit unzähligen Stunden Langweile-Kompetenz aufwarten. Besonders als präpubertäres Einzelkind waren die niemals enden wollenden Sommerferien eine Qual. Die Eltern ackerten im Garten, alle Freunde waren im Urlaub und sämtliche Bücher und Comics kannte man in und auswendig. Blieb nur noch bodenloses Selbstmitleid, das alle Sinne blockierte. Angetrieben vom Wunsch dieser Misere zu entkommen, kämpfte man sich so lange durch das Haus, bis man endlich etwas fand, was einen fesselte. Nicht selten mündete das in einem Flow, der alle Sinne beflügelte.

„Blockaden sind wie Berge. Wenn du sie erklommen hast, verändert sich dein Horizont.“
Verena Mayer-Kolbinger

3. Alternativlos

… oder Alternativ-Los. Alles hat zwei Seiten, für welche man sich entscheidet sei einem selbst überlassen. Die Zeit läuft, egal ob sich Junior furchtbar selbst leid tut oder die Gelegenheit beim Schopf packt. Er kann nach etwas suchen, was seine Sinne anregt oder einfach nichts tun. Beides ist besser als seine ganze Energie auf die Bekämpfung einem ohnehin gegeben Gefühls oder Zustands auszurichten.

„Es sind nicht unsere Fähigkeiten, die zeigen, wer wir sind, sondern unsere Entscheidungen.“
Joanne K. Rowling

4. Aushalten

Menschen mit geringer Frustrationstoleranz geben schneller auf. Saul Rosenzweig prägt den Begriff um 1940. Er beschreibt Personen, die sich von inneren wie äußeren Widerständen leicht entmutigen lassen und zu aggressivem Verhalten tendieren. Warum den frustrierenden Zustand der Langeweile nicht als wertvolles Training betrachten? Wer gelernt hat ihn auszuhalten und dem sogar etwas Positives abgewinnt, wird vermutlich auch im späteren Leben davon zehren können.

„Anfangen ist leicht, Beharren ist Kunst.“
Sprichwort

5. Innenschau

Wenn Langeweile aufkommt, können wir sie mit netflix ersticken, sie bei komplexen Online-Games gegen die Wand spielen oder durch sonstige digitale Vergnügungen ersetzen. All das mediale Getöse übertönt unsere innere Stimme, die uns etwas zu erzählen versucht. Über individuelle Erfahrungen, Talente, Tendenzen, unseren Weg. Mit der Zeit wird die Stimme immer leiser, bis sie eines Tages verstummt oder sich mit Brachialgewalt zu Wort meldet. Kurze Momente des Innehaltens lassen uns zwar aufhorchen. Unsere Geschichte erfahren wir allerdings erst in der langen Weile.

„Die innere Stimme entspricht der feinen Nadel eines Seismographen. Es lohnt sich, sie ihm Auge zu behalten.“
Alma M. Rother

6. Meditation

„Schule ist langweilig, besonders Erdkunde“, stöhnt Junior, „unser Lehrer redet ohne Pause durch. Manchmal müssen wir aus dem Buch vorlesen. Das geht immer der Reihe nach, jeder einen Absatz und danach stellt er Fragen. Das ist furchtbar!“

Doch seitdem es keinen Frontalunterricht mehr gibt, wünscht er sich selbst Erdkunde herbei. Da würde er wenigstens seine Freunde treffen und mit ihnen Unsinn machen, solange bis sein bester Kumpel, der Klassenclown, rausfliegt. Wenn es wiedermal soweit ist, kehrt meist Ruhe ein.

„Der muss dann zum Meditieren, damit er sich daran erinnert wie es ist cool zu bleiben.“

Seine Schule folgt damit einem innovativem Modell, dass sich eine engagierte Lehrkraft von den Amerikanern abgeschaut hat. Dort bringt die „Holstic Life Fondation“ bereits kleinen Kindern Yoga und meditative Techniken bei. Ob sie allerdings langweiligen Unterricht interessanter machen, sei dahin gestellt …

„Der Verstand ist wie eine Fahrkarte: Sie hat nur dann einen Sinn, wenn sie benutzt wird.“
Ernst Reinhold Hauschka

7. Träumen

Träume können Langeweile vertreiben. Sie besuchen uns in Zeiten des Stillstands und erinnern uns an unsere Wünsche und Sehnsüchte. Wie ein Film laufen sie vor dem inneren Auge ab. Niemand redet uns rein und ein Paralleluniversum in den buntesten Farben entsteht. Vorausgesetzt wir lassen es zu. Denn die Fähigkeit zu träumen kann man verlernen. Wer gleich in puren Aktionismus verfällt und im Internet oder vor dem Fernseher landet, setzt langfristig seine Phantasie aufs Spiel. Dabei lohnt es sich diese wunderbare Gabe, die jedem Menschen in die Wiege gelegt wurde, wertzuschätzen. Wieviele Ratgeber würden dann überflüssig werden. Denn wer träumt und sich traut nur einen Teil dessen in die Tat umzusetzen, ist alle denen voraus, die ein Leben lang ihre Bestimmung suchen.

„Wirklich reich ist der, der mehr Träume in seiner Seele hat, als die Wirklichkeit zerstören kann.“
Hans Kruppa

8. Langsamkeit

Junior ist ein pfiffiger und aufgeweckter Junge, aber bei allen körperlichen Aktivitäten kann man ihm die Schuhe im Laufen besohlen. Zumindest sagt sein Vater das über ihn. Sein Schwimmlehrer hatte eigens für Junior die Disziplin „Wer als Letzter im Ziel ist“ eingeführt. Kein Scherz, sondern ein guter Gedanke, so verschaffte er seinem Schüler zum ersten Mal Erfolgserlebnisse und alle anderen konnten sich auf die Optimierung ihres Schwimmstils konzentrieren. Und Junior war von Anfang an ein ganz hervorragender Langsamschwimmer. Noch heute gewinnt er jedes Mal mit großem Abstand, da sich seine Kameraden auf den letzten Metern langweilen und sich einen Spurt um den „ersten Platz“ liefern.

„Lerne Schnecken zu beobachten.“
SARK (aus „How to be an Artist“)

9. Gesellschaft

Die bewusste Untätigkeit als Quell für Kreativität und Inspiration. Künstler und Kreative brauchen diese Freiräume wie Pflanzen regelmäßig Wasser. Wann genau wurden jene Tätigkeiten dessen beraubt? Schöpferische Langweile ist für kreative Prozesse unerlässlich. Die Zeit dahinfließen lassen, sich entspannen. Freies Assoziieren ohne finanziellen Druck. Vielleicht bewegen wir uns aus diesem Grund nur noch in Stereotypen. Technisch perfekt, aber wenig originell. Schon gar nicht gewagt, wir wollen ja niemanden verärgern und wissen was die Zielgruppe will. Langeweile ist etwas für wirtschaftlich Erfolglose? Künstler? Interpreten? Gestalter? Autoren? Musiker? Comedians? Wir alle lassen uns gerne unterhalten, denken aber wenig über die nach, die unterhalten …

„Wer die Kunst des Nichtstuns einzusetzen weiß, bewirkt am Ende weit mehr als nichts.“
Alma M. Rother

10. Freiheit

Alles darf sein. Du darfst sein. Dein Wert hängt nicht vom Tun ab, sondern vom Sein. Die Freiheit zu haben nicht zu tun Nichts ist ein Privileg. Langeweile als Instrument einzusetzen, eine Kunst. Sich Zeit zu nehmen um seine Fähigkeiten zu entwickeln, wichtig für die Lebenszufriedenheit. Hingabe, Wahrnehmung und Muße als Gegenspieler zum Konsum. Habt den Mut zur Langeweile, denn sie ist Freiheit im Geiste.

„Ich bin frei, denn ich bin einer Wirklichkeit nicht ausgeliefert, ich kann sie gestalten.“
Paul Watzlawick

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