Ich war noch nie sonderlich religiös. Mir fällt es schwer an Gott zu glauben. Denn das Wort „Gott“ macht ihn menschlich und als Solchen muss ich ihn mir dann zwangsläufig vorstellen. Entweder mit langem grauen Bart und ausgebreiteten Armen, ähnlich der Statue, die über Rio de Janeiro wacht. Oder eben so, wie ich ihn mir als Kind vorstellte. Ein bisschen wie Mahershala Ali aus dem Film „Green Book“, allerdings mit den Klamotten von Pumuckl, nur nicht so grell sondern in gedeckten Blautönen. Das Leibchen so hell wie ein Sommermorgen und die zu kurze Hose so dunkel wie die blaue Stunde. Mit ungefähr acht Jahren wusste ich natürlich nichts von diesem farbigen Darsteller, der von Viggo Mortensen in einem Cadillac DeVille durch die Südstaaten kutschiert wurde. Ich wusste nichts von Apartheid oder Rassentrennung, gerade mal ein bisschen über Sklaverei von Tom Sawyer und Huckleberry Finn.

Aber für mich stand fest, dass Gott ein dunkelhäutiger Mann mit einem schmalen Oberlippenbart war.

Mit Religionsunterricht konnte ich schon zu dieser Zeit nicht viel anfangen. Aber wenigstens durfte ich malen und singen, das war toll, denn ich malte und sang wirklich gerne und auch ganz gut. Eines Tages sollten wir Gott malen, so wie wir ihn uns vorstellten. Und dann malte ich ihn eben so wie Mahershala Ali im Leibchen und mit zu kurzen Hosen. Und das, an einer Grundschule, mitten in Bayern. Bis heute wundere ich mich, dass meine Eltern zu keinem Gespräch gebeten wurden. Vielleicht lag es an meinen, zu diesem Zeitpunkt noch nicht besonders ausgeprägten, künstlerischen Fähigkeiten. Oder möglicherweise schmunzelte die Lehrerin heimlich darüber und freute sich an meiner weltoffenen Haltung. Mir blieb jedenfalls nichts dazu in Erinnerung.

Gestern, beinahe vierzig Jahre später bin ich an meinem weihnachtlichen Tiefpunkt angelangt. Möglicherweise hing das mit der zweiten Corona-Welle zusammen oder mit der Tatsache, dass zwischen mir und Gott Funkstille herrscht. Zeit meines Lebens versuchte ich ihn mir als omnipotente Kraft vorzustellen, jedoch vergeblich. Es ist nicht so dass ich ungläubig wäre. Es gibt bestimmt eine Art kosmischen Kleister der uns alle zusammenhält. Sonst hätten wir uns längst dem Erdboden gleich gemacht.

Aber ich würde diesen Umstand eher der Epigenetik, Schwarmintelligenz oder Empathie zuschreiben.

Mitte Dezember war es dann wieder soweit, ich durfte der Weihnachtsgeschichte lauschen. In diesem Jahr brachte ich es immerhin auf fünf verschiedene Varianten. Und obwohl ich die Geschichte eigentlich mag, überkam mich eine bleierne Schwere. Sie ähnelte meinem Zustand während vieler langweiliger wie unerträglicher Stunden Religionsunterricht, die mich irgendwann dazu brachten zu Ethik zu wechseln. Nicht aus Überzeugung, sondern weil ich wusste, dass der Unterricht regelmäßig ausfiel. Danach hat es mich viele weitere Jahre innere Überzeugungsarbeit gekostet, endlich aus der Kirche auszutreten. Um mindestens eine Dekade später wieder als evangelisches Kirchenmitglied einzutreten.

Seither habe ich erlebt was Religionsgemeinschaften bewirken. Für Menschen die an unheilbaren Krankheiten leiden, für Familien die ein schweres Los zu tragen haben und für einsame Menschen. Sie finden Stärke und Halt in den heiligen Schriften, in den tröstenden Worten einfühlsamer Predigten, Anschluss an etwas, was weit über das eigene Ego hinausgeht. Und ich erkannte nach und nach den Unterschied zwischen denen, die Gott mit Liebe und Mitgefühl gleichsetzten und anderen, die sich ehrfürchtig an kirchliche Gesetze hielten. Immer dann wenn es bei Religiosität um Toleranz, Liebe und Empathie geht, entscheide ich mich aufs Neue, dieser Gemeinschaft angehören zu wollen und an eine gottgleiche Energie zu glauben, die wir alle in uns tragen um die Welt erträglicher zu machen. Und wenn dieser Funke mit der Geburt Christi in eine grausame Welt getragen wurde, um sie zu einem besseren Ort zu machen, dann möchte ich auch an die Weihnachtsgeschichte glauben. Zufrieden macht mich das trotzdem nicht. Zumindest solange bis Religiosität endlich als etwas so individuelles wie persönliches toleriert wird.

Bis dahin wird sich die heilige Nacht anfühlen wie die Gestrige: zuweilen traurig und isoliert.

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