Haben Sie schon einmal eine der großen Suchmaschinen mit den Begriffen „nicht authentisch” gefüttert? Mir haben sich dabei zwei Szenarien eröffnet: Entweder korrigierte mich ein ungläubiger Algorithmus zu „authentisch” oder ein paar wenige, rebellische Blogartikel wurden ausgeworfen. Im Jahr 2020 ist man also nach wie vor authentisch, zumindest versucht man es zu sein.

Nur so richtig erklären konnte mir bisher niemand, was es mit Authentizität auf sich hat. Glaubt man den Lifestyle-Gurus, handelt es sich dabei um eine einfache Sache, die in drei bis zehn Schritten erlernbar ist. Zahlreiche Angebote von Coaches und Beratern lassen andererseits darauf schließen, dass es vielleicht doch nicht so unkompliziert sein kann. Es scheint, dass Authentizität eines der erstrebenswertesten Ziele jenseits der Jahrtausendwende ist, also lohnt sich der Blick auf einige Floskeln, die im Internet kursieren.

Nur wer authentisch ist, lebt im Einklang mit sich und anderen.

Ja, dem stimmt ich zu, sofern man ein halbwegs kultivierter Mensch mit einem sozialkonformen Verhalten ist. Selbst dann wenn es an Kultur und Sozialisation mangelt, mag das noch zutreffen, solange man dieser Person einen gewissen Erfolg zuschreiben kann. Aber warum sollte der gesellschaftsferne Eremit kein authentisches Leben in seiner Höhle führen?

Authentizität unterliegt dem Zeitgeist.

Würden wir unseren Eltern und den Generationen davor ein nicht authentisches Leben vorwerfen? Manche Werte und Vorstellungen über ein erfülltes Leben, mögen sich im Laufe der Zeit verändert haben. Aber grundlegend sind die Wünsche und Sehnsüchte gleich geblieben. Das Streben nach essenziellen Bedürfnissen wie Sicherheit, Selbstbestimmtheit, Anerkennung und Liebe ist eine starke Kraft, die uns steuert, ob wir wollen oder nicht. Sie mag von Mensch zu Mensch variieren und von unterschiedlicher Ausprägung sein, hat aber Einfluss auf unsere Leben und damit auch auf unsere Authentizität.

Das Gegenteil von Authentizität ist Inszenierung.

Oder alternativ: Opportunismus. Wer will schon ein Opportunist sein? Er dreht sich wie ein Fähnlein im Wind und passt seine Meinung, der seines Gegenübers an. Warum jedoch sollte dieses Verhalten nicht authentisch sein? Am Ende ist alles eine Frage des intrinsischen Wertesystems und damit ein Abbild dessen, was man in sich trägt. Die Inszenierung als Gegenteil ist treffender gewählt. Häufig neigen stark suggestible, aber auch hochsensible Personen zur Inszenierung. Aufgrund ihrer Prägung sind sie oft überangepasst, auch der Wunsch nach Harmonie lässt sie in Rollen schlüpfen, die ihnen nicht zugedacht sind. Erst in der Entspannung und mit sich alleine finden sie wieder Zugang zum Selbst und damit zur Authentizität.

Ich bin authentisch und sage immer klar was ich denke.

Natürlich kann man das tun, die Frage ist nur was man langfristig damit erreicht. Wenn man der besten Freundin um die Ohren haut, dass sie fett in ihrem neuen Kleid aussieht. Oder der Kollegin eine klare Ansage macht, dass sie sich lieber von einem fern halten soll. Falls man gerne mit sich alleine ist, mag das eine effektive Strategie sein. Nur hat man früher oder später alle Menschen, die einem zugetan waren, erfolgreich vergrault. Wer’s mag: Auch als Einsiedler in einer Waldhütte kann man ein authentisches Leben mit der Natur führen.

Ich bin einzigartig, vor allem in dem was ich tue. Das macht mich authentisch.

Jeder Mensch ist ein Individuum, dennoch haben wir im Allgemeinen einen ähnlichen Körperbau und gewisse Merkmale, die uns ähnlich erscheinen lassen. Wer das also von sich behauptet, betreibt entweder ziemlich gutes Selbstmarketing oder unterliegt einer Persönlichkeitsstörung. Einzigartige Leistungen sind immer ein Produkt aus dem Kopieren von bereits Dagewesenem, dem richtigen Timing und einer neuartigen, der Person eigenen, Interpretation. Der Begriff authentisch wird sehr inflationär gebraucht, vielleicht wäre in dem Fall „exzentrisch“ angebrachter.

Hochsensible Menschen können selten ein authentisches Leben führen.

Hat man Frieden mit all seinen Eigenschaften geschlossen, findet man auch einen Weg in ein authentisches Leben. Authentizität muss nicht zwangsläufig im Außen stattfinden. Nicht jeder hatte das Glück eines liebevollen Elternhauses mit viel Rücksicht und Verständnis. Der Weg dorthin ist ein immerwährender Prozess, den jeder selbst anstoßen kann. Er führt über die Selbstakzeptanz zur Eigenliebe. Er benötigt viel Freiraum und geschieht nicht von heute auf morgen.

Ich lasse mich nicht von anderen verbiegen, Authentizität ist mein höchstes Gut.

Ein schlauer Mensch auf den ersten Blick, zumindest wenn man das Alter außen vor lässt. Kommt dieser Satz von einem 14-jährigen Pupertier warne ich davor, ihn so stehen zu lassen. Bei einem über zwanzigjährigen Menschen gehe ich von einer angemessenen geistigen Reife und einem vorangegangenen Erlebnis, das zu dieser Aussage geführt hat, aus. Oft sind es Extremsituation, die uns an den Kern unserer Persönlichkeit führen. Empfindliche Störungen unseres Wertesystems bringen uns unserer Authentizität nahe.

Authentizität ist nur etwas für Führungskräfte.

Zumindest wird es ihnen zugeschrieben um damit erfolgreicher zu sein. Verwirrend für die, die keinen Zugang zu sich selbst haben und / oder einen autoritären Führungsstil pflegen. Denn auch der kann authentisch und erfolgreich sein. Stellt sich nur die Frage wie es um die Authentizität und langfristige Leistungsbereitschaft ihrer Angestellten steht.

Könnte man echte Authentizität etwa mit Würde gleichsetzen? Denn wer Zugang zu seinem Innersten hat. Wer weiß wo seine Stärken und Schwächen liegen und damit umzugehen weiß. Der kennt seine Werte, womöglich wurden sie bereits in einem liebevollen Elternhaus angelegt. Eine bewusste Lebensreise und die Fähigkeit zu reflektieren können ebenso dazu geführt haben. Allen gemein ist die Gabe der Empathie, erst sie macht eine Entwicklung zu einem würdevollen, authentischen Wesen überhaupt erst möglich.

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