Damals wusste ich noch nicht dass ich hochsensibel war. Häufig konnte ich in den Gesichtern meiner Klassenkameraden Ablehnung lesen, direkte Angriffe waren keine Seltenheit. Entweder reagierte ich zu extrem, machte aus jeder Mücke einen Elefanten oder schien zu viel wahrzunehmen. Als sehr schüchternes und empfindsames Kind traf mich jede Kritik hart.

Das war doch ich, wer sollte ich denn sonst sein?

Glücklicherweise wuchs ich in einer Künstlerfamilie auf, meine Eltern waren den Exotenstatus gewohnt, gaben mir viel Rückhalt und bestärkten mich mir treu zu bleiben.

Schon seit jeher liebte ich es in andere Charaktere zu schlüpfen, mich zu verkleiden und so jemand anderes zu sein. Diese anderen Personen, die ich verkörperte, waren unangreifbar, sie waren mal mutig, mal verwegen aber auch zurückhaltend und scheu. Ich hatte mir einen geistigen Raum erschaffen, in dem ich meinen Phantasien freien Lauf lassen konnte.

Ich hatte es geschafft meine offensichtlich negativen Eigenschaften zu etwas Positivem umzuwandeln.

Es dauerte nicht lange und ich wirkte in Kindertheaterstücken mit, später war ich aus der Schultheater-AG nicht mehr wegzudenken. Die anderen mochten es, mir beim Spielen zuzusehen und ich lernte von meinen Rollen. Niemand hielt mich mehr für sonderbar, meine Eigenheiten wurden meiner künstlerischen Persönlichkeit zugeschrieben.

Auf einmal war ich beliebt und hatte zahlreiche Verehrer, eine Tatsache die mich in Wirklichkeit komplett überforderte. Mein wirkliches „Ich” wollte sich zurückziehen und wusste nicht was es mit diesen Menschen anfangen sollte. Also machte ich es mir zu Gewohnheit in Rollen zu schlüpfen. Immer wenn die wahre Alma versagte, lieh ich mir einen fremden Persönlichkeitsanteil aus und spielte die Kunst-Alma. Mit großem Erfolg. Es war ein berauschendes Gefühl gemocht und bejubelt zu werden und ein noch berauschenderes nicht ich selbst sein zu müssen.

Mit einem Mal erschien mir das Leben einfach und leicht.

Ich war zarte 18 Jahre alt, als ich mit meiner Schauspielausbildung begann. Eine harte wenngleich unendlich inspirierende Zeit. Ich kostete das Leben mit allen Facetten, die es zu bieten hatte. Es war intensiv in jeder Hinsicht. Die Verlockung einen Beruf zu ergreifen, der mich zu dem Menschen machen würde, der ich immer sein wollte, trieb mich bis an meine Grenzen und weit darüber hinaus.

Zwei Jahr gab ich alles, weit über hundert Prozent, dann kam der Zusammenbruch.

An dem Abend spielte ich die Rolle in einem experimentellen Stück. Mir ging es bereits den ganzen Tag nicht besonders gut. Vermutlich ein Infekt, wie ich mir dachte. Ein Absage kam für mich nicht in Frage, in dieser Brache käme das einem Todesurteil gleich. Also hielt ich tapfer durch, gab wie immer alles. Den zweiten Vorhang bekam ich nicht mehr mit, das Letzte woran ich ich erinnerte waren die Scheinwerfer, die mich blendeten und wie ich mich mit letzter Kraft hinter die Bühne schleppte. Die Ensemblemitglieder haben mir später erzählt, dass ich dort zusammenbrach.

Ich erwachte im Krankenhaus und nahm meine Umgebung wie durch eine Nebelwand wahr, durch die die Stimme meines Vaters an mein Ohr drang. Er versuchte zu verstehen, was passiert war, das wusste ich zu diesem Zeitpunkt jedoch selbst nicht. Den Ärzten war ich auch ein Rätsel, mein Körper schien gesund, sie konnten nichts feststellen. Man unterstellte mir Drogen-, Alkohol oder Medikamentenmissbrauch, fand aber keine Substanzen im Blut. Medikamente nahm ich nicht und bis auf die eine oder andere durchzechte Nacht mit meinen Kommilitonen und dem gelegentlichen Genuss eines Joints, war von Drogenmissbrauch keine Rede.

Auch nach drei Tagen konnte ich meine Umwelt nur schemenhaft erkennen und so beschloss ich eine Auszeit zu nehmen. Ich ging für ein halbes Jahr nach Spanien zu der Familie meiner Mutter. Dort konnte ich endlich wieder Alma werden, niemand kritisiert mich wegen der Art und Weise, wie ich mich gab.

Ich konnte einfach ich sein.

Eine Riesenlast fiel von mir ab und nach und nach erlangte ich meine volle Sehkraft wieder, zusammen mit der Erkenntnis, dass ich etwas an meinem Leben ändern musste.

– Alma Rother

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