Kurz nachdem mein Mann verstarb, wurde mir bewusst, was es heißt alleine mit einem kleinen Kind dazustehen. Von meinen Eltern konnte ich nichts erwarten, nicht weil ich ein schlechtes Verhältnis zu ihnen hatte, sondern weil sie schlicht keine Möglichkeiten hatten mir unter die Arme zu greifen. Mein Vater und meine Mutter waren um die 60, lebten in Spanien und konnten mich weder finanziell noch tatkräftig unterstützen.

Mein Mann hatte bisher genug verdient, so musste ich nicht arbeiten. Ich blieb also mit einem Fünfjährigen, einem zu großen Haus und einer noch größeren Hypothek zurück. Meine Schauspielausbildung würde mich auch nicht weiterbringen. Waren Sie schon einmal mit so einer Qualifikation beim Arbeitsamt? Nichts gegen die Sachbearbeiter, aber so etwas sprengt so manchen Horizont, ganz speziell den eines Langzeitbeamten. Schnell war mir klar, dass ich das Beste aus meinen Talenten machen musste, denn auch hier konnte ich keine Unterstützung erwarten.

In mir wohnte trotz aller Trauer und Verzweiflung das zarte Gefühl, dass sich alles finden würde, ich müsste mich nur auf den Weg machen. Als Erwachsene war das zu diesem Zeitpunkt schon schwer genug. Aber wie sollte ich das einem kleinen Jungen erklären, der seinen Vater nie wieder sehen würde?

Wie erklärt man etwas, das man nicht einmal selbst verstehen kann?

Kinder in diesem Alter fragen viel, können aber nicht lange zuhören, geschweige denn die Worte verstehen, die man sich vorher so gründlich zurecht gelegt hatte. Ich rang also um jede Silbe, um meinem Sohn zu verdeutlichen, was geschehen war.

Als ich fertig war, sah ich ihn mit Tränen in den Augen an. Er schaute zurück und sagte „O.k.“, nahm mein Gesicht in seine kleine Kinderhände, gab mir einen Kuss und verschwand in sein Zimmer. Sie werden verstehen wie irritiert ich war.

Heute weiß ich, dass sich nicht alles in einem zehnminütigen Gespräch klären lässt. Ich habe mit allem gerechnet: mit Tränen, Wut, Schreien, aber nicht mit einem „O.k.”.

Selbst als die Beerdigung stattfand war Timon sehr gefasst. Nach dem Leichenschmaus nahm ich meinen Jungen in den Arm. Er sah mich an und fragte: „Papa ist jetzt für immer weg, oder?“. „Ja, Timon, er wird nicht wiederkommen, wir sind jetzt nur noch zu zweit.“ Ich musste weinen und drückte ihn an mich. „Aber du bis doch bei mir und Papa ist hier.“ Dabei zeigte er auf seinen Brustkorb.

In dem Moment wurde mir bewusst, dass ein Verlust sicherlich viel Rationales nach sich zieht. Jedoch kann man nicht alles mit Gesprächen regeln. Die Zeit liefert Antworten, nur darf man nicht immer darauf hoffen, dass sie in Worten daher kommen.

– Alma M. Rother

Photo by Markus Spiske on Unsplash